Warum 0 g Zucker nicht "laktosefrei" bedeutet: Was ich auf der Käsemesse gelernt habe
Ich bin zur Messe für Käse und Milchprodukte gegangen. Ja, ich. Ein Laktoseintoleranter. Mitten unter Hunderten von Erzeugern, Käsern, Käsefachschulen und Verbänden der Milchwirtschaft.
Paradox?
Genaugenommen nicht. Mein Ziel war es, sich mit der Branche zu treffen, um über ein Thema zu sprechen, das etwa 15 % der französischen Bevölkerung betrifft: die Laktoseintoleranz.
Und ich bin mit einer Antwort gegangen, die ich seit Jahren gesucht habe.
Die Frage, die mich quälte
Sie kennen die Nährwerttabelle auf der Rückseite von Verpackungen? Die berühmte Zeile "davon Zucker"?
Laktose ist ein Zucker. Wenn in dieser Zeile 0 g steht, sollte man logisch schließen können, dass das Produkt laktosefrei ist.
Warum schreibt dann kein Hersteller das auf die Verpackung?
Und noch eine Kuriosität: Ihnen ist sicher schon aufgefallen, dass derselbe Käse, verkauft unter der Marke des Herstellers in einem Geschäft und unter der Handelsmarke in einem anderen, einmal mit "essbare Rinde" gekennzeichnet ist und im anderen nicht. Dasselbe Produkt. Zwei verschiedene Etiketten.
Gut, ich erkläre es Ihnen. Weil beide Fragen dieselbe Antwort haben.
Kennzeichnung ist Recht, kein Marketing
Lebensmitteletiketten in Europa werden durch die Verordnung INCO (EU Nr. 1169/2011) geregelt. Dieser Text schreibt vor, dass Informationen klar, lesbar, genau und nicht irreführend sein müssen.
Jede Angabe auf einer Verpackung trägt die juristische Verantwortung des Vermarkters. Und hier ist der Schlüsselpunkt: Der Hersteller und der Händler wenden nicht die gleichen Risikobewertungsmaßstäbe an. Jeder führt seine eigene Konformitätsprüfung durch.
Das Ergebnis: Zwei unterschiedliche Etiketten für dasselbe Produkt. Das ist kein Fehler. Das System funktioniert wie vorgesehen.
Das Kernproblem: Messunsicherheit
Kehren wir zur Laktose zurück. Die Nährwertangaben werden im Labor auf Basis mehrerer Proben ermittelt.
Diese Messwerte haben eine Toleranzspanne.
Die Milch variiert leicht je nach Saison. Der Herstellungsprozess schwankt von Charge zu Charge. Auch die Reifung variiert. Wie in der Physik ist die Gesamtunsicherheit die Summe der einzelnen Fehler.
Die Null auf dem Etikett? Das ist eine Rundung. Keine absolute Gewissheit.
Die Qualitätsabteilungen der Hersteller treffen daher eine Entscheidung, die objektiv rational ist: "Laktosefrei" nicht zu beanspruchen, wenn die Messunsicherheit keine 100%ige Garantie zulässt. Das juristische Risiko rechtfertigt den erworbenen kommerziellen Nutzen nicht.
Ich fand das ziemlich beruhigend. Es ist kein Mangel an Interesse für laktoseintolerante Verbraucher. Es ist Genauigkeit. Risikomanagement.
Und Europa? Ein regulatorisches Patchwork
Um die Situation noch komplizierter zu machen, gibt es in der Europäischen Union keinen einheitlichen Grenzwert für die Angabe "laktosefrei". Jedes Land legt seine eigenen Regeln fest, wenn es welche hat.
Deutschland, Slowenien und Ungarn: 100 mg/100 g. Dänemark, Finnland und Schweden: 10 mg/100 g. Irland: keine nachweisbare Laktose. Belgien: 2,5 mg/100 kJ als praktische Orientierung. Kanada vereinfacht mit einem einheitlichen Grenzwert von 0,1 g/100 g.
Und Frankreich? Kein expliziter nationaler Schwellenwert für allgemeine Lebensmittel.
Sie werden sehen, warum das ein Problem ist. Ein Hersteller, der in mehrere europäische Länder exportiert, müsste unterschiedliche Grenzwerte je nach Bestimmungsort einhalten. Die Kosten für die Einhaltung sind unverhältnismäßig im Vergleich zum erwarteten Nutzen. Also wagt es niemand.
Was das für Intolerante ändert (und warum es schmerzt)
Diese Vorsicht ist aus Sicht der Produktion nachvollziehbar. Aber auf der Verbraucherseite sind die Konsequenzen sehr real.
Viele Intolerante schließen schließlich Milchprodukte komplett aus. Aus Vorsicht. Aus Angst, krank zu werden. Andere greifen zu Produkten, die speziell als "laktosefrei" gekennzeichnet sind, oft zu einem viel höheren Preis, obwohl viele traditionelle Käsesorten (gekochte Hartkäse, lang gereifte Käse) natürlicherweise sehr wenig Laktose enthalten.
Konkret kann ein als "laktosefrei" gekennzeichneter Gouda 29 Euro pro Kilo kosten, während ein klassischer, ebenso kompatibler Gouda 6 Euro pro Kilo kostet. Multiplizieren Sie das mit den Einkäufen des Jahres. Der Unterschied ist enorm.
Die Käsefachschulen: Eine Chance
Ich habe auch mit Vertretern von Käsefachschulen gesprochen. Und da gute Nachrichten.
Die zukünftigen Käser darin zu schulen, Laktoseintoleranz zu verstehen und Kunden im Verkauf besser zu beraten, ist ein echter Wettbewerbsvorteil für den Beruf. Mehrere Gesprächspartner sagten, sie fänden die Idee sinnvoll. Es ist noch nicht Teil der Lehrpläne, aber die Offenheit ist da.
Stellen Sie sich vor: Sie betreten eine Käserei und der Käser sagt spontan: "Dieser hier, mit Ihrer Intoleranz können Sie ihn bedenkenlos essen." Das ist noch nicht der Fall. Aber die Gespräche auf der Messe überzeugten mich, dass ein Dialog möglich ist.
In der Zwischenzeit: Das Risiko objektivieren
Genau dafür gibt es die App lactose.help: Jeder kann das Risiko für jedes Produkt objektiv einschätzen und sich nicht unnötig einschränken. Das Ziel ist nicht, den Rat des Käser zu ersetzen. Es soll den Intoleranten das nötige Vertrauen geben, nicht vorschnell alles auszuschließen.
Und weil gutes Leben mit Laktoseintoleranz auch Familiensache ist, beinhalten die kostenpflichtigen Pläne einen Familienfreigabemodus. Ihre Angehörigen können in aller Ruhe Ihre Einkäufe erledigen. Und wir fördern eine möglichst breite Teilhabe!
Was auf dem Spiel steht
Laktoseintolerante besser zu berücksichtigen, ist ein Gewinn für alle.
Für Verbraucher: mehr Auswahl, bessere Qualität, zu vernünftigen Preisen. Für Hersteller und Käser: ein erweiterter Markt, loyale Kunden. Alle gewinnen. Es bleibt nur, die Brücke zu bauen.
Und was denken Sie? Haben Sie schon mal aus Vorsicht auf einen Käse verzichtet, der vielleicht doch völlig kompatibel war?
Wir sehen uns bald wieder für ein nächstes Abenteuer!